Brisigipfel, 10. August, ungefähr 10 Uhr: Ich liege im kalten Wind auf dem Boden und frage mich, was ich hier eigentlich mache. Die Motivation ist weg und mir ist übel. Zuvor lief es, im wahrsten Sinne des Wortes, ganz gut und die ersten zwei Gipfel der Churfirsten liegen schon hinter mir. Doch beim Aufstieg zum Brisi kam die Übelkeit. Die Schritte wurden langsamer und das Ziel die 7 Gipfel in einem Tag „by fair means“ zu überqueren rückt in weite Ferne. Dass es eine dumme Idee ist wusste ich schon lange, aber so richtig bewusst wird es mir erst in diesem Moment.

Mein Tag begann um 2 Uhr morgens und nach dem ausgedehnten Frühstück ging es kurz nach 3 Uhr zu meiner Churfirsten Challenge los. Von Starkenbach aus stieg ich bei kompletter Dunkelheit über den Strichboden in Richtung Selun auf. Beim Strichboden wählte ich allerdings den falschen Weg und musste so wenig später auf den Richtigen zurück queren (Ja, ein GPS auf dem man den richtigen Track hat hilft in diesen Situationen enorm. Und so als Anmerkung: Bitte nicht meinen Track verwenden). Um halb sechs erreichte ich den fast komplett in Nebel gehüllten Gipfel. Nur die kalte Bise leistete mir Gesellschaft, doch ich war bester Laune, da ich mich gut fühlte und der Aufstieg mit 2.5 Stunden kürzer als erwartet war.

Der Abstieg durch die Ostseite des Seluns war der gefährlichste Abschnitt der Tour: Das kniehohe und vom Tau komplett nasse Gras machte den teilweise steilen Abstieg zu einer rutschigen Angelegenheit. Als ich dann aber noch bemerkte, dass ich direkt auf eine kleine Felswand zusteuerte, wurde mir klar, dass ich wieder vom Weg abgekommen war. Wenn man oben genau hinschaut kann man rosa Markierungen erkennen die einem den Weg über eine weniger kritische Route weisen. Aber die muss man zuerst einmal sehen.

Die Querung und der Aufstieg zum Frümsel, waren dann (glücklicherweise) weniger abenteuerlich und ich kam gut voran. Oben schien die Sonne und so konnte ich mit Aussicht auf den Walensee ein zweites Frühstück essen. Meine Taktik mit dem Essen ging schon seit Beginn der Tour nicht auf, denn ich hatte die ganze Zeit über keinen Appetit. Ab und zu zwang ich mich dazu etwas zu Essen und auch beim zweiten Frühstück gehörte ein wenig Zwang dazu.

Wieder unten, kam ich vom Weg, der vom Frümsel zum Brisi führt, ab. Ich habe keine Ahnung wie ich das schaffen konnte, aber auf dem kleinen und mühsamen Abstecher durch die Wildnis des Toggenburgs entstand doch die eine oder andere Fluchkreation. Aber eben, das GPS führte mich auch hier wieder auf den Weg zurück. Der Aufstieg zum Brisi wurde dann zur Bewährungsprobe: Schon während den ersten 100 Höhenmeter bemerkte ich, dass irgendetwas nicht stimmte und das Völlegefühl schlug Schritt für Schritt in Übelkeit um.

Und so liege ich immer noch auf dem Gipfel und der Gedanke, dass ich die Tour wohl oder übel abbrechen und vorher noch zur nächsten Bahn absteigen muss, deprimiert mich. Noch deprimierender ist der Gedanke, diese Tour wiederholen zu müssen (der Hobbypsychologe darf hier gerne eine Zwangsneurose diagnostizieren). In den letzten 3 Monaten überquerte ich die Churfirsten unzählige Male in meinen Gedanken. Meist scheiterte ich beim Schibenstoll oder auch schon beim Zuestoll, aber nie beim Brisi. Währenddem ich meinen Gedanken nachhänge, kaue ich unmotiviert an einem Farmer-Riegel rum und plötzlich hat mein blaues Gummiarmband meine volle Aufmerksamkeit. Dieses Armband lag seit Jahren in einer Schublade rum, doch kurz vor der Tour fand ich es wieder. Kurzerhand beschloss ich, dass ich es auf der Tour tragen würde und dass mit dem Ding am Handgelenk nichts schiefgehen konnte. Volle irrational, aber manchmal brauchts ein paar miese Tricks. Das gibt mir ein bisschen Kraft und in der Zwischenzeit geht es mir auch schon minimal besser. Deshalb braucht es nicht mehr so viel Überwindung um aufzustehen. Runter muss ich ja so oder so. Auf dem Weg nach unten verschwindet die Übelkeit und ich bin bereit für Gipfel Nr. 4.

Den Zuestoll besteige ich über den inoffiziellen Wanderweg der über die Westseite auf den Gipfel führt. Der Pfad ist steil und an Höhe zu gewinnen ist manchmal eher mühsam, da es schwierig ist einen Tritt zu finden ohne eine kleine Steinlawine auszulösen. Um 12:30 stehe ich auf dem Gipfel des Zuestolls und einige Male öffnen sich die Wolken und ich kann auf der einen Seite den Walensee und auf der anderen das Toggenburg erspähen.

Der Abstieg zieht sich dann in die Länge und ich weiss, dass mir noch 2 Aufstiege und 2 Abstiege bevorstehen, wobei einer davon ins Tal führen wird. Auf dem Weg zum Schibenstoll versuche ich diesen Gedanken zu verbannen indem ich mich auf den Weg konzentriere. Erst oben bemerke ich, dass die Wolken weg sind und es sehr heiss geworden ist. Mein Kopf scheint zu glühen und ich muss unbedingt sehr viel trinken, aber eigentlich kann ich dieses Isostar in der Zwischenzeit nicht mehr ausstehen. Ich habe es komplett satt. Von den anfänglichen 6 Litern sind jetzt noch etwas über 2 Liter übrig und ich rege mich darüber auf, dass ich nicht noch eine Flasche Wasser mitgenommen habe. Manchmal lernt man die Dinge einfach den harten Weg.

Unten wartet dann die letzte Herausforderung auf mich: Die Querung ins Gluristal. Die ersten Meter verlaufen harzig, ich muss mich durch Büsche kämpfen, rutsche mehrere Male aus und der Fuss verschwindet immer wieder in einem Loch. Ich finde keinen Rhythmus, fluche unaufhörlich, stelle alles in Frage und hätte ich einen Antistressball dabei, dann würde ich ihn zerfetzen. Aber die ganze Aufregung hat auch ihre guten Seiten, denn ich werde vom Aufstieg abgelenkt und die Kraft kommt wieder zurück. Ich erreiche den Weg und es geht zuerst recht flach bis an das Ende des Tales und von da aus wieder steil auf den Hinderrugg. Von dort aus erreiche ich nach einer Viertelstunde den Chäserrugg, den letzten der Churfirsten. Und dann weiss ich, dass ich es geschafft habe, obwohl ich eigentlich noch gar nicht am Ziel bin.

Den ganzen Tag habe ich mich auf diese Autobahn von einem Wanderweg gefreut, welche vom Chäserrugg nach Unterwasser führt, doch schon nach der ersten halben Stunde schmerzen die Füsse. Bis zum Chäserrugg war ich einfach nur erschöpft, doch je näher ich dem Ziel komme, desto mehr schmerzen die Gelenke. Die Erlösung, den Parkplatz der Iltios-Bahn, erreiche ich etwas vor 20 Uhr.

2 Stunden später sitze ich im wunderschönen Appenzöll an einem Tisch und trinke Bier. Zwei Einheimische und die Bedienung sitzen um den Tisch und scheinen sich nicht am Gestank meiner Socken zu stören. Wir plaudern über das „Ländlerfest“ das gerade stattfindet und mein Beitrag beschränkt sich auf das ständige wiederholen der Worte „Hackbrett“ und „Zäuerli“. Verstehen tue ich leider nur jedes zweite Wort, aber irgendwie klappt es trotzdem mit dieser interkantonalen Verständigung. Danach schleppe ich mich müde auf mein Zimmer, dusche und als ich im Bett liege, wird mir bewusst, dass ich es geschafft habe. Und nur für dieses Gefühl hat es sich die ganze Mühe gelohnt. Auch wenn es 30 Sekunden später als ich einschlafe auch schon wieder weg ist.